Entfestigung von Lockergesteinsböschungen

Die Böschungen begrenzen Halden, Verkehrsdämme, Wasserbauwerke oder entstehen im Zuge von Geländeregulierungsmaßnahmen bei der Schaffung von Bau- oder Verkehrsflächen. Lockergesteinsböschungen sind der oberflächigen Einwirkung von Schnee, Wind, Regen und dem Frost-Tau-Wechsel ausgesetzt. Für die Eigentümer der Flächen besteht das Erfordernis einer Aufrechterhaltung der Sicherheit und der Formstabilität sowie der Unterhaltung.

Prüfung der Entfestigungstiefe an einer Lockergesteinsböschung

Sollte eine Erosion, eine Schalenbildung, eine Rutschung oder ein Böschungsbruch einsetzen, sind unangenehme Fragen an den Planer und für die Eigentümer bzw. Betreiber sowie ein Sanierungserfordernis mit entsprechendem Aufwand zu erwarten.

Bei der Projektierung und Standsicherheitsbetrachtung für Böschungen empfiehlt es sich also daher grundsätzlich, nicht nur die tiefliegenden potenziellen Bruch- und Gleitflächen zu untersuchen, sondern auch die mögliche nutzungszeitliche Entfestigung der Oberflächen in den Blick zu nehmen. Bei einer guten Abdeckung von Oberflächen mit einem dauerhaften und dichten Bewuchs kann ein Ansatz der Durchwurzelungskohäsion erfolgen. Diese Durchwurzelung muss aber auch baulich hergestellt und während der Nutzungszeit erhalten werden.

Bei nichtbindigen Böden kann die maßgebliche Scherfuge unterhalb der Durchwurzelungstiefe und weitgehend böschungsparallel liegen. Bei regelmäßiger Bespannung dieser Fuge mit Wasser kann ein Kornverlust bzw. eine Kornumlagerung durch das ablaufende Wasser eine potenzielle Gleitfläche erzeugen, die dann auch ein Abgehen des Oberbodens (Hautrutschung) oder im ungünstigen Fall Schalenrutschung zur Folge haben kann.

In bindigen Böden und auch bei Böden mit Bindemittelverbesserung entstehen häufig Schrumpfrisse auf der Oberfläche. Diese füllen sich mit Wasser und erzeugen Spaltwasserdruck. Diese Einwirkung ist gleichzeitig mit dem möglichen lokalen Festigkeitsverlust bei der Planung der Böschungen zu beachten. Es empfiehlt sich grundsätzlich, die böschungsparallelen Bruchmechanismen bei schichtparalleler Wasserströmung und ggf. Anregung der Rutschung infolge Zug- oder Schrumpfrissen zu überprüfen.

Eine besondere Einwirkung bei Frostaufgang im Frühjahr ist das Bodenfließen an der Oberfläche. Bei Tauwetter sind dann insbesondere südlich exponierte Böschungen gefährdet. Die Sonneneinstrahlung taut die oberen Bodenschichten auf. Der darunter liegende Bodenbereich ist aber noch gefroren. Er ist praktisch wasserundurchlässig. Von der Böschungsschulter her fließt nun das Tauwasser ab und vernässt den Boden bis zur völligen Wassersättigung. Der Boden erhält dann eine breiige Konsistenz und fließt der Böschung folgend ab.

Im Zuge der Prüfung von Böschungen an Ingenieurbauwerken bzw. auch bei der Prüfung an Anlagen privater Bauherren und im Umfeld von Hoch- und Industriebauten nach MBO, gegebenenfalls auch VDI 6200, sind dabei auch Böschungen zu beurteilen. Eine Fragestellung ist dann regelmäßig, wie tief sich der Boden entfestigt und ob eine Eigenverfestigung des Bodens nach dem Fließen zu erwarten ist.

Bei den zugehörigen Überprüfungen an den Oberflächen von Lockergesteinsböschungen setzen wir zur Bestimmung der Entfestigungstiefe und Bewertung der Scherfestigkeit von Rutschmassen die handgeführte Drucksonde (Handpenetrometer) ein. Der Spitzendruck lässt einen Rückschluss auf die Scherfestigkeit und insbesondere die undrainierte Kohäsion in der Böschung angetroffenen Erd- und Baustoffe zu. Damit lässt sich beurteilen, wie tief die Böschung entfestigt ist, ob eine Rutschung oder ein Fließen stattfindet und ob gegebenenfalls eine nachträgliche Verfestigung bereits wieder Stabilität erzeugt hat. Auch die Tiefe von Schrumpf- und Zugrissen lässt sich angeben. Im Zusammenhang mit einer geotechnischen Bodenansprache und fachmännischen Beurteilung der Gesamtsituation lässt sich ableiten, ob die Böschungen richtig geplant, gebaut und unterhalten sind. Von Fall zu Fall ist dann ggf. auch eine Sanierungsmaßnahme zur Sicherung der Dauerhaftigkeit und Standsicherheit der Lockergesteinsböschungen zu planen.

In diesem Zusammenhang sind wir auch als Gutachter in Schadensfällen tätig, wenn Haut- und Schalenrutschungen zu bewerten sind. Die Rutschmassen bewegen sich dann häufig über die Grundstücksgrenze zum Nachbarn. Dann ist es ein Thema des Nachbarrechts und eine Beräumung bzw. Sanierung auch nicht ganz einfach.

Über Baugrubenmanager

Bauingenieur. Geotechniker. Expertise für Baugruben, Standsicherheit, Verbau, Abrechnung, Nachbarrecht ...
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