Der Sachverständige und geotechnische Prognosen

Das tägliche Geschäft des Geotechnikers ist das Aufstellen von Prognosen zur Interaktion von Boden im weitesten Sinne, Locker- und Festgebirge, und Bauwerken. Wir denken dabei in der Regel in Dimensionen von Zentimetern, es sei nur an den vereinfachten Nachweis von Gründungen in bindigen Böden mit zu prognostizierenden Setzungen zwischen 2 cm ≤ s ≤ 4 cm erinnert. Bei Außenstehenden rufen diese Größenordnungen häufig Verwunderung hervor. Ein ehemaliger Kollege, seines Zeichens erfahrender Maschinenbauer mit bis dato Maßanforderungen im Bereich von zehntel Millimetern und weniger, hatte entsprechende „Eingewöhnungsprobleme“.

Hierzu muss darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der in Prognosen eingehenden Eingangsgröße „Baugrund“ um ein Gemisch aus unterschiedlichsten Komponenten mit jeweils spezifischen Eigenheiten handelt. Es seien die verschiedenen möglicherweise auftretenden Korngrößen und deren Mengenverteilung, aber beispielsweise auch organische oder Kalkanteile, Grundwasser und Bodenluft genannt. In der Summe sind dann nur noch verallgemeinernde Angaben zum Verhalten des Stoffes „Boden“ möglich. Schon früh wurde hier der Begriff des „Homogenbereiches“ als Zusammenfassung von verschiedenen im weitesten Sinne ähnlichen Stoffgemischen zur Baugrundschicht geprägt. Weiter kommt hinzu, dass es sich beim Baugrund um eine hochgradig variable Größe handelt. Bereits geringfügig neben einem durchgeführten Aufschluss können sich vollkommen andere Verhältnisse, beispielsweise durch eine Kluft im Festgestein, ergeben.

Die Normung, aktuell allen voran der Eurocode 7 (EC7), müssen diese Unwägbarkeiten erfassen. Unter Punkt 2.4.1 des EC7 wird beispielsweise ausgeführt:     
„Es sollte berücksichtigt werden, dass die Kenntnis der Baugrundverhältnisse vom Umfang und von der Güte der Baugrunduntersuchungen abhängt. Deren Kenntnis und die Überwachung der Bauarbeiten sind im Allgemeinen wichtiger für die Einhaltung der grundsätzlichen Anforderungen als die Genauigkeit der Rechenmodelle und Teilsicherheitsbeiwerte.“

Die angewandten Rechenverfahren versuchen dem gleichfalls Rechnung zu tragen. Beispielsweise durch anzuwendende Teilsicherheitsbeiwerte. Auch früher schon wurden Korrekturfaktoren verwendet. Es sei auf die Korrekturbeiwerte für Setzungen nach DIN 4019-1 in den nicht mehr gültigen Fassungen verwiesen.

Im Gegenzug werden jedoch auch geotechnische Kennwerte entsprechend großzügig gefasst, um der Inhomogenität des Untergrundes – und auch unserem Unvermögen einer detailliert-genauen Beschreibung – gerecht zu werden.

Die Kunst des geotechnischen Sachverständigen ist es nun, einen den aufgezählten Randbedingungen angemessenen Kompromiss aus Kennwerten und Rechenwegen zu finden. Dabei zählt die Erfahrung mit der Materie sehr viel, zum anderen sind bei entsprechend anspruchsvollen Vorhaben statistische Methoden der Versuchsauswertung zunehmend von Belang. Um diese anwenden zu können wird aber auch eine ausreichende Datenbasis benötigt. Hier schließt sich damit wieder der Kreis zu oben aufgeführtem Zitat aus EC7. Grundlage für all unsere Arbeit ist zuallererst eine dem Vorhaben gerecht werdende Baugrunderkundung mit einer entsprechend des Schwierigkeitsgrades auch ausreichenden Zahl an laborativen Untersuchungen. Mit diesen Grundlagen lassen sich in der Regel auch zutreffende Prognosen über das Verhalten von Baugrund und Bauwerk erstellen.

Über Baugrubenmanager

Bauingenieur. Geotechniker. Expertise für Baugruben, Standsicherheit, Verbau, Abrechnung, Nachbarrecht ...
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